Es ist 8 Uhr morgens an Auffahrt, der MVN sitzt vollzählig im Car und ist bereit zur Abfahrt, doch aus den Lautsprechern tönt statt Musik chaotisches Knacken, und Yannick, unser Fahrer, stellt den Motor nach einigen Sekunden wieder ab.
Zweiter Versuch. Dritter. Yannick steigt aus und telefoniert. Weitere Versuche. Was ist los? Offenbar will die Elektronik des nagelneuen Cars nicht so wie der Fahrer. Ob die KI andere Pläne hat als der MVN? Nach einer Viertelstunde hat es Yannick geschafft – der Car rollt an, und wir begeben uns auf die Reise nach Delémont, wo unser Hotel wartet. Regengüsse, sonnige Abschnitte – man kann auf dieser Reise alles haben. Doch es geht flüssig voran, und nach einer entspannten Fahrt mit Kaffeepause kommen wir gegen Mittag vor dem Hotel gleich beim Bahnhof an, checken ein und gehen ins benachbarte Restaurant zum Mittagessen. Dort wird unser Geburtstagskind Daani (mit zwei a) besungen, und sie rächt sich mit einer selber getexteten Version vom Schacherseppli.
Nach einer kurzen Bahnfahrt nach Biel besuchen wir in kleineren Gruppen die Wettspielkonzerte verschiedener befreundeter Vereine. Am meisten interessieren uns natürlich die Vorträge der «Bouffonneries», denn wir möchten ja sehen und hören, wo die Konkurrenz steht. Trotz des immer noch sehr wechselhaften Wetters findet die Parademusik statt, und wir ziehen uns auch hier ein paar Musikvereine rein. Die Stimmung am Boden ist definitiv besser als am Himmel, und so landen wir dann auf dem grossen Festplatz, um was zu essen und weitere Musik zu geniessen. Mir persönlich hat vor allem BRASSIG sehr gefallen, nur schade, dass der Sound zeitweise miserabel abgemischt war und man den Gesang kaum hörte. Aber die Energie dieser Band (und ihres Bandleaders Tobi Zwyer) ist schon wahnsinnig. Zeitweise schüttete es ziemlich, und kalt war es auch, darum verzogen sich etliche in ein warmes Restaurant. Nach und nach landete dann ein Grüppchen nach dem anderen auf dem Bahnhof und fuhr nach Delémont zurück – bei aller Festfreude wussten wir ja, dass am nächsten Tag die volle Leistung gefragt war.
Typisch MVN: wenn es heisst, ab 06:30 gibt es Frühstück, dann sind spätestens um 06:45 alle da, denn wer feiern kann, kann auch aufstehen. Überhaupt waren die ganzen zwei Tage bei allen Treffpunkten alle zur angesagten Zeit präsent: ein Kompliment an alle meine Mitmusikant/innen. Unser Zeitplan war zwar straff, aber nicht gehetzt, und so sassen wir zur vorgesehenen Zeit im Vorprobelokal und wurden von unserem Dirigenten Marcel Ingold auf den Auftritt eingestimmt. Voll motiviert sassen wir bald darauf auf der Bühne und holten Luft für unsere Version der «Bouffonneries», dem Aufgabenstück von Benedikt Hayoz. Der Vortrag lief aus unserer Sicht sehr gut – wir konnten praktisch unsere beste Leistung abrufen und das Stück so umsetzen, wie wir es in den vergangenen Wochen mit Marcel eingeübt hatten.
Auch das Selbstwahlstück «Toward A New Horizon» lief ausgezeichnet. Dieses hatten wir ja schon an der Abendunterhaltung unserem Heimpublikum präsentiert und seither noch feingeschliffen. Dem Publikum muss es auch gefallen haben, denn es wollte und wollte beim Schlussapplaus nicht aufhören. Damit hatten wir ja das Hauptziel des Tages schon erreicht: «Mit Freude musizieren und mit der Musik Freude bereiten». Trotzdem waren wir natürlich sehr gespannt auf das Urteil der Juroren, hatten wir doch am Vortag einige Vorträge vergleichen können und hatten die dafür gegebenen Punktzahlen teilweise nicht wirklich verstanden. Doch damit mussten wir bis am Abend warten, denn die Resultate wurden erst nach der offiziellen Rangverkündigung publiziert.
Abends gegen 23 Uhr war es dann soweit: Wir kriegten für die «Bouffonneries» 80.33 Punkte und für «Towards A New Horizon» 85.67 Punkte, womit wir bei einem Total von 166 Punkten im Mittelfeld landeten.
Den ganzen Vormittag über hatte es immer wieder genieselt, und der Wetterradar sah auch nicht so toll aus. Doch kurz vor Mittag kam die Meldung, dass unser Parademusik-Block stattfinde. Als wir uns kurz vor halb Eins in der Startzone einfanden, brach die Sonne durch die Wolken uns schien auf den MVN, was wir als gutes Omen interpretierten. Ja, ich weiss, sie schien auch auf die anderen Vereine, aber das würde schlechter in den Bericht passen. Das Aufstellen verlief plangemäss, der Juror schlich lange um uns herum und beäugte uns intensiv – und dann durften wir losmarschieren. Etwas irritierend waren die Kameraleute des Fernsehens, die einem aus gefühlt 10cm Distanz filmten, aber es war natürlich toll zu wissen, dass dieser Anlass live gestreamt wurde und die Blasmusik an diesem Wochenende auch medial ausgiebig zum Zug kam. Im Gegensatz zum Wettspiel hatten wir hier nicht das Gefühl, unsere beste Leistung gezeigt zu haben, doch es reichte für ordentliche 82 Punkte. Damit können wir zufrieden sein.
Ein «Eidgenössisches» ist für einen Musikverein eine riesige Herausforderung:
- Finanziell: Die Teilnahme kostet den Verein und seine Mitglieder mit Proben-Wochenende und allem drum und dran um die 25’000 Franken. Hier danken wir noch einmal herzlich all denen, die uns bei unserem Crowdfounding unterstützt und so die Gratis-Teilnahme unserer Jungmusikant/innen ermöglicht haben.
- Organisatorisch: Reisen, Unterkünfte, Registerlehrer/innen fürs Probenwochenende, Aushilfen, Abläufe – alles muss im Détail organisiert und so kommuniziert werden, dass es effizient und doch stressarm ablaufen kann. Hier trugen der Presi (eigentliches EMF), die MuKo (musikalisches) und der Schreibende (Probenwochenende) die Hauptlast.
- Musikalisch: Das Nivau der Wettspielstücke steigt ständig. Die Instrumentierung wird immer anspruchsvoller, heute braucht es schon in der 3. Kategorie praktisch 40 Musiker/innen. Wir konnten das mit wenigen Aushilfen an unseren «Schwachstellen» liefern, aber kleinere Vereine sind da faktisch ausgeschlossen. Zudem ist es nicht jedermanns Sache, mehr als zwei Monate lang praktisch nur an zwei Stücken herumzufeilen. Marcel Ingold hat es ausgezeichnet verstanden, uns zu motivieren und bei der Stange zu halten. Aber auch jede/r einzelne Musikant/in hat in dieser Zeit Durchhaltewillen, Konzentration und Einsatzbereitschaft gezeigt.
Damit ist auch gesagt, dass es neben dem Erfolg an den Vorträgen ein zweites grosses Ziel bei der Teilnahme an einem solchen Grossanlass gibt: das Zusammenschweissen des Vereins, das gemeinsame Erlebnis einer Gruppe von 15 bis 85-jährigen. Wenn man die Stimmung auf der Heimfahrt und beim anschliessenden fakultativen Abendessen im Löwen als Massstab nimmt, dann war das EMF 2026 für den MV Neftenbach zweifellos ein Riesen-Erfolg und wohl das Highlight des Jahres.


























